Musik mit Herz
Nutzbarkeit physiologischer Reaktionsmuster für das Musizieren: Stressbelastung im Instrumentalunterricht – eine empirische Pilotstudie
Einleitung
Die vorliegende Pilotstudie untersucht die physische Stressbelastung im Kontext des instrumentalen Einzelunterrichts und deren potenziellen Einfluss auf das Musiklernen. Bisherige Forschungen fokussierten hauptsächlich auf psychischen Stress bei Musiklehrkräften und -schüler*innen. Diese Studie widmet sich hingegen dem physischen Stress, der durch das vegetative Nervensystem reguliert wird. Ziel ist es, herauszufinden, wie sich diese Stressbelastung auf das Lernen und die Leistung der Schüler*innen auswirkt und welche Erkenntnisse daraus für die musikpädagogische Praxis gewonnen werden können.
Theoretischer Hintergrund
Physische Stressreaktionen können das Musizieren beeinflussen, indem sie motorische und kognitive Prozesse beeinträchtigen. Die Herzfrequenzvariabilität (HRV) ist ein etablierter Indikator für den physiologischen Stresszustand und wurde bereits erfolgreich in verschiedenen Pilotstudien eingesetzt (Göhle, Schuller & Ferraro, 2022; Göhle & Schuller, 2024). Die Erhebung von HRV-Daten im Kontext des Musikunterrichts stellt eine innovative Erweiterung der bisherigen Forschung dar, die hauptsächlich auf Videoanalysen basierte.
Forschungsziele
Die Studie verfolgt vier Hauptziele:
- Erfassung des physischen Stressniveaus: Analyse der Stressbelastung der Lernenden während unterschiedlicher Unterrichtsphasen (Smalltalk, Unterrichtsgespräch, Spielzeit) und zu verschiedenen Zeitpunkten innerhalb einer Unterrichtsstunde mithilfe von HRV-Messungen
- Zusammenhang von Stress und Unterrichtsmerkmalen: Untersuchung des Einflusses von Unterrichtsmerkmalen wie Zeitpunkt und inhaltliche Phasen auf das physische Stressverhalten
- Generalisierbarkeit der Ergebnisse: Überprüfung, ob die beobachteten Stressvariationen unabhängig von individuellen Unterschieden der Teilnehmenden auftreten und somit allgemeingültige Muster identifiziert werden können
- Praktische Relevanz: Bewertung des Potenzials physiologischer Stressmessungen für die Musikpädagogik zur Förderung eines gesundheitsbewussten und effektiven Unterrichts
Methodik
In drei unterschiedlichen instrumentalen Einzelunterrichtsstunden (Klavier, Cello, Saxophon) wurden physiologische Daten mittels tragbarer HRV-Sensoren erhoben. Die Unterrichtsstunden wurden zusätzlich audioaufgezeichnet und in verschiedene Phasen codiert. Eine Kovarianzanalyse wurde durchgeführt, um die Zusammenhänge zwischen Unterrichtsphase, Unterrichtszeit und den HRV-Werten zu analysieren.
Ergebnisse
Erste Ergebnisse zeigen, dass Stressverhalten systematisch mit Merkmalen des Instrumentalunterrichts zusammenhängt. Eine Kovarianzanalyse wurde durchgeführt, wobei RMSSD-Werte als Maß für physischen Stress dienten. Unabhängige Variablen waren Unterrichtsphase und Unterrichtszeit. Das Modell erklärte 68 % der Varianz der RMSSD-Werte (korr. R²). Beide Haupteffekte waren signifikant (Unterrichtszeit: F = 1.72, p < .05, part. η² = .75; Unterrichtsphase: F = 7.77, p < .01, part. η² = .25), jedoch nicht ihre Interaktion. Auch die Kovariaten hatten einen signifikanten Einfluss (F = 29.98, p < .01, part. η² = .40).
Diskussion
Die Ergebnisse deuten darauf hin, dass physischer Stress im Instrumentalunterricht eine bedeutende Rolle spielen könnte. Die systematische Erfassung mittels HRV-Messungen liefert wertvolle Informationen, die zur Gestaltung eines gesundheitsbewussten und effektiven Musikunterrichts beitragen können. Lehrkräfte könnten durch ein besseres Verständnis der physischen Stressmuster ihrer Schüler*innen gezieltere Maßnahmen im Unterricht implementieren, um den Lernerfolg und das Wohlbefinden der Lernenden zu steigern.
Schlussfolgerungen und Ausblick
Diese Pilotstudie liefert erste Hinweise darauf, dass physiologischer Stress im Instrumentalunterricht systematisch erfasst und analysiert werden kann. Zukünftige Studien sollten die Effekte in größeren Stichproben untersuchen und die langfristigen Auswirkungen auf das Musiklernen beleuchten und damit ermitteln, ob eine praxisnahe Integration von HRV-Messungen in die Musikpädagogik einen wertvollen Beitrag zur Förderung eines gesundheitsbewussten Unterrichts leisten könnten.
Prof. Dr. Ulf Henrik Göhle, Juliane Rick