Wie Kinder improvisierte Musik beschreiben und bewerten

„...und dann war es lauter und schöner!“

Vier Kinder sitzen mit dem Rücken zum Betrachter und hören zwei Musikern zu.
(Foto: Laura Brichta)

Ein Forschungsprojekt im Rahmen der Lehrveranstaltung Dreierlei Impro & Jazzpilot*innen

Das künstlerisch-musikpädagogische Forschungsprojekt von Ulrike Schwarz befasst sich mit Kriterien für eine gelungene Improvisation, wie sie von Kindern im 4. Schuljahr angewandt und entwickelt werden. Hierfür wird untersucht, wie die Kinder improvisierte Musik beschreiben und bewerten.

 

Vorhaben

Das Forschungsprojekt schlägt eine Brücke zwischen künstlerischer und musikpädagogischer Forschung. Indem es die ästhetischen Kriterien zur Beurteilung improvisierter Musik in den Blick nimmt, steht eine künstlerische Perspektive auf die musikpädagogische Arbeit mit Kindern im Vordergrund. Dabei verfolgt Ulrike Schwarz mit ihrem Projekt Ziele sowohl auf künstlerischer als auch auf musikpädagogischer Ebene.

 

Ziele

Dem improvisationstheoretischen Diskurs um eine gelungene Improvisation soll eine Perspektive von Kindern hinzugefügt werden: Welche Kriterien entwickeln diese Kinder, die sich ohne bestimmte instrumentale oder überhaupt musikalische Voraussetzungen mehrere Wochen mit „freier“ Improvisation beschäftigt haben, für eine gelungene Improvisation? Gibt es Parallelen zu Kriterien in der Welt professioneller „freier“ Improvisation? Gibt es Besonderheiten? Welche ästhetischen Kriterien stehen im Vordergrund – und was ist aus Sicht der Kinder auf der Handlungsebene wichtig, um eine gelungene Improvisation zu ermöglichen?

Dem Versuch, die von Kindern selbst entwickelten und formulierten ästhetischen Kriterien zu erforschen, liegt eine konstruktivistische musikpädagogische Haltung zugrunde, die Kindern als Subjekten begegnen möchte und einen Beitrag leisten für deren gewinnbringende Auseinandersetzung mit Musik, auch im schulischen Kontext. In diesem Sinne soll das Forschungsprojekt mit seinen Ergebnissen einen Beitrag leisten, Kinder als kunstschaffende Subjekte darzustellen und künftigen Musiklehrkräften an Grundschulen aufzuzeigen, zu welchen künstlerischen und reflexiven Leistungen Kinder in der Lage sind. Die Neugier dieser jungen Erwachsenen auf die Perspektive der Kinder soll somit geweckt und vertieft werden.

Bezogen auf die Hochschullehre sollen die Forschungsergebnisse künftig die Vermittlung von Improvisationsdidaktik im Lehramtsbereich um die Perspektive der Kinder ergänzen.

Mit Hilfe eines Dokumentationsfilm des Projekts möchte Ulrike Schwarz allen Interessierten einen lebendigen Eindruck vermitteln, wie Improvisieren mit Kindern in der Praxis aussehen kann, wie Kinder über ihre Musik sprechen und wie sich ihre Kriterien im Laufe der Zeit herauskristallisieren und weiterentwickeln.

 

Umsetzung

Das Forschungsvorhaben war eingebettet in die Lehrveranstaltung Dreierlei Impro & Jazzpilot*innen, die im Sommersemester 2023 begonnen hat. Dabei machten drei Studierende für das Lehramt an Grundschulen zunächst eigene Erfahrungen in dreierlei Improvisationsformen: „frei“, metrisch bzw. tonal „gebunden“, „von außen inspiriert“ (von Text, Bild, Tanz). Im Wintersemester 2023/2024 begleiteten sie Ulrike Schwarz für vier 60-90-minütige Improvisations-Workshops in eine Grundschulklasse (4. Schuljahr). Dort leiteten sie die Warm-Ups an, unterstützten die Workshops und improvisierten teilweise gemeinsam mit den Kindern. In dieser Phase war das Forschungsvorhaben angesiedelt.

An die Improvisationsworkshops mit den Kindern schloss sich dann ein Projekt politischer Bildung an, das Parallelen zog zwischen Entscheidungsprozessen, Machtverhältnissen und Regelbildung beim Improvisieren einerseits und im politischen Entscheidungsprozess andererseits. Dieser Teil orientierte sich am Projekt „Jazzpilot*innen“ der Deutschen Jazzunion in Zusammenarbeit mit der Bundeszentrale für politische Bildung. Die Studierenden waren in dieses Projekt ebenfalls mit eingebunden und übernahmen Teile der Workshops und Moderation.

 

Datenerhebung

Die Datenerhebung zum Forschungsprojekt erfolgte in vier Phasen: Vorerhebung, Workshops DIF 1-2 (DIF = Dreierlei Impro Forschung), Workshops DIF 3-4 mit Fokusgruppen- und Einzelinterviews, Nacherhebung.

Zu Beginn hörten die beteiligten Kinder eine Aufnahme professionell improvisierter Musik, bewerteten diese in Echtzeit über ein Tablet und tauschten sich anschließend in einem Klassengespräch über die gehörte Musik aus (Vorerhebung). Anschließend wurden sie in zwei Workshops (DIF 1-2) in freier Improvisation angeleitet und dabei beobachtet, um informell bereits erste Hinweise auf ihre Bewertungskriterien zu sammeln. Zwei Mädchen und zwei Jungen wurden nach dem zweiten Workshop ausgelost, um in der nächsten Phase mittels Fokusgruppen- und Einzelinterviews Einblick in ihre ästhetischen Kriterien zur Bewertung improvisierter Musik zu gewähren. Im dritten Workshop wurden die vier ausgewählten Kinder bei einer Quartett-Improvisation gefilmt. Etwa ein bis zwei Stunden später schauten diese vier Kinder (die Fokusgruppe) gemeinsam die Videoaufnahme der Improvisation vom Vormittag an und tauschten sich darüber aus.

Nach dem vierten Workshop fanden zunächst Einzelinterviews statt und dann wieder ein Fokusgruppeninterview zum vormittags improvisierten Stück. Die vierte Phase (Nacherhebung) entspricht im Ablauf der Vorerhebung. Alle Klassengespräche, Workshops und Interviews wurden mit mehreren Kameras gefilmt.

 

Auswertung

Die quantitative Datenauswertung der Vor- und Nacherhebung mit der gesamten Klasse wurde mit Hilfe des Programms EmoTouch vorgenommen.

Die Klassengespräche zur Vor- und Nacherhebung und das Fokusgruppeninterview DIF3 wurden transkribiert. Zusätzlich wurde eine Transkription vom Reflexionsgespräch zum Stück der Fokusgruppe im dritten Workshop angefertigt.

Im Laufe des Projektes stellte sich die Perspektive des Fokusgruppenkindes Max (Name anonymisiert) als besonders vielversprechend heraus, sein Einzelinterview und seine Aussagen im Fokusgruppeninterview nach dem vierten Workshop wurden ebenfalls transkribiert und ausgewertet.

Die ausgewählten Daten wurden in einem an Mayring orientierten Verfahren qualitativer strukturierender Inhaltsanalyse mit Hilfe des Programms MAXQDA analysiert.

Eine Einzelfallstudie zu Max ergänzt die Ergebnisse von Gesamtklasse und Fokusgruppe.

Für Planung und Durchführung des Forschungsprojekts stand PD Dr. Timo Fischinger beratend zur Seite, die Transkripte wurden mit Hilfe einer studentischen Hilfskraft angefertigt.

 

Ergebnisse und Präsentation

Erste Ergebnisse wurden bereits beim „Tag der Forschung“ 2023 an der HfMDK präsentiert, weitere Ergebnisse folgten beim „Tag der Forschung“ 2024.

Die Informationen zu diesem Forschungsprojekt werden fortwährend aktualisiert, insbesondere der Dokumentationsfilm wird an dieser Stelle abrufbar sein, sobald er veröffentlicht wurde.

Fragen & Kontakt

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